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„Aufzeichnungen“ und Aufzeichnen
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2007: abwesend, anwesend

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Kalligrafie/ calligraphy/ 書法

book design/ 書籍設計



Aufzeichnungen und Aufzeichnen


Mein künstlerischen Werdegang bestehen einige zentrale Themen: mein Interesse am Trivialen, inhaltlich wie materiell; eine gewundene, sich schlängelnde Beschreibungsweise; die Entwicklung meiner eigenen künstlerischen Ausdrucksform, die ich „Aufzeichnungen“ nenne; und die intensiv spielerische Auseinandersetzungen mit Materialien.


Ich betrachte das Triviale im Alltag. Ich bin der Meinung, dass die Poesie des Trivialen unter dem alltäglichem Leben steckt. Die Segmente, Fragmente des Lebens sind wie Wörter einer Sprache, ich sammele sie in der Hand und versuche, sie neu einzuordnen. Diese visuellen Segmente nehme ich als semiotische Elemente in meine Bildern auf. Ich baue mit meiner eigenen Semiotik eine bildnerische Welt auf, die mein Verständnis von meiner Umgebung, meinem Standpunkt reflektiert. Auch materielle Segmente sind Spuren des Menschenlebens, die ich als künstlerische Schaffensquelle gestalterisch und inhaltlich aufgreife. Damit kann ich mit trotz kaum vorhandener Anwesenheit von Figürlichem meinen in Bildern das Menschenleben umreissen.

Um die Segmente des Lebens „semiotisch“ einzuordnen entwickelte ich nach und nach eine  eigene Ausdrucksform, die ich „Aufzeichnungen“ nenne,  mit der ich die fragmentarische  Qualität des Inhalts gestalterisch umsetzen kann. Ich sammele wiederverwendbare Materialien, besonders triviale Zeitschriften oder Flyer und Handzettel. Ich habe die verbrauchten Zeitschriften grundiert, und diese wiederbelebten Hefte als Körper meiner Aufzeichnungen verwendet. Die grundierten, beschrifteten Seiten gelten als mein Bildhintergrund, der seinen eigene Akzent besitzt. Ich male, zeichne und schreibe darauf, hinterlasse meine Eindrücke, Abdrücke und Spuren die sich mit dem Bildhintergrund verflechten. Die Segmente des Hintergrundes tauchen manchmal unter ganz deckender Grundierung auf, können eben so stark ausgeprägt sein, wie der Vordergrund, der als „vom Autor erzeugte Spuren“ definiert ist. Vordergrund und Hintergrund verflechten sich miteinander zu einem künstlerischen Komplex. Sie können nicht mehr voneinander getrennt werden, weder im formellen, noch im Inhaltlichen Sinne. Zwischen Vordergrund und Hintergrund besteht ein Dialog, eine Auseinandersetzung, eine verschwommene Ko-existenz. Dazwischen strömt ein Gemurmel, ein Rauschen.

Das Aufzeichnen selbst ist ebenso wichtig in meinem Schaffensprozess wie sein Resultat: Aufzeichnungen. Jede Geste des Aufzeichnens hinterlässt eine Aufzeichnung als seine Spur, auch als Zeugnis seiner Vergänglichkeit. Die Vergangenheit kehrt nicht zurück, wir können lediglich die vorhandene Aufzeichnung des Vergangnen bestätigen, dadurch den abwesenden Moment zurückzuverfolgen und uns die vergangene Geste vorstellen. Das Aufzeichnen kann improvisatorische Tätigkeit sein, besonders wenn es die Materialität der Konstellation oder des Gestaltungsinstruments widergibt. Die Improvisation ist eng mit der gleichzeitig stattfindenden Situation verbunden. Sie reflektiert nicht nur die äußeren Umstände, sondern stellt den inneren Denkfluss, der zu dem Zeitpunkt ausgelöst wird dar.

Aufzeichnungen sind die unmittelbare Visualisierung unserer Gedanken. In meinen Aufzeichnungen nehme ich eine endlose Beschreibung vor, kleine Variationen der alltäglichen Routine. Da die kontinuierliche Bearbeitung alltäglicher Codes mit zeitlichen und räumlichen Konstellationen eng verbunden ist, werden meine Aufzeichnungen prozessuale Arbeiten und besitzen eine stark improvisatorische Qualität.

Aufzeichnungen gelten als multikulturelle, interdisziplinäre Schnittstelle: Zeichnen, Malen, Schreiben, die Integration von Form, Farbe und Sprache. Ich beschäftige mich seit 2001 mit der chinesischen Kalligrafie. Unter ihrem Einfluss betrachte ich den Zusammenhang zwischen Bildern und Sprachen, zwischen Wahrnehmungen und Bedeutungen von unterschiedlichen multikulturellen Blickwinkeln aus. Meine Aufzeichnungen sind ein Dialog, zwischen Bilde und Sprache, eine Nuance meiner eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse.


Materie und Zeichen

Meine Aufzeichnungen bewegen sich zwischen materiell und immateriell. Durch das Zusammenspiel mit Materialien wird das Wahrnehmungsspektrum erweitert, die Grenzen von Wahrnehmungen und Sinnen werden dadurch überschritten.

Meine Aufzeichnungen haben materielle Handschrift, initiieren neue Wirklichkeitserfahrungen, die in der Prozessualität der Materialien selbst zu erleben sind. Zeit, Luftfeuchtigkeit wirken als Einflussfaktoren, durch welche die Arbeiten beständig weiter „wachsen“. Die Aufzeichnungen sind wie ein Wesen. Ich lebe mit ihnen, und sie mit mir. Ich präsentiere meine Arbeiten in verschiedenen Räumlichkeiten, um ein Zusammenspiel der Arbeiten mit unterschiedlichen äußeren Konstellationen zu initiieren.


Wahrnehmungen und Perspektivenwechsel

Wie kann man ein Bild erfahren?
Durch die Materialität der Farben und anderer Materialien...
Die Materialien haben die Oberfläche des Bildträgers verändert. Die Struktur, die Textur des Bildes erzählen viel. Sie laden den Betrachter ein, sie zu berühren. Durch die Materialität und Stofflichkeit werden unsere Sinne wieder aktiviert und herausgefordert.  

Ich mache meine Aufzeichnungen meistens in Buchform, um eine Haltung des Lesens beizubehalten. Aber ich bewege mich über reine „Künstlerbücher“ hinaus, konzentriere mich auf die Spannung zwischen Materie und Zeichen. Meine Aufzeichnungen variieren durch vielseitigen Techniken,  Interessant wird es, wenn die verschiedenen Gestaltungsformen und Techninken miteinander konfrontiert werden.  Diese Spannung bewirkt einen Wechsel von Wahrnehmungen und Perspektiven.

Die Buchform meiner Arbeiten ermöglicht den Perspektivenwechsel des Betrachters. Durch Veränderungen der physischen Haltung oder des physischen Verhältnisses zwischen Arbeiten und Betrachter wird der Betrachter nimmt der Betrachter die Arbeiten verändert wahr. Wenn man seine Aufmerksamkeit auf den physischen Körper meiner Arbeiten lenkt, wird man bemerken, dass meine Abreiten zweiseitig wahrnehmbar sind. Die Grenze zwischen Vorderseite und Rückseite sind zu überschreiten. Um diese Zweiseitigkeit optimal zu präsentieren, ist die entstand der Entschluss, meine Arbeiten in Buchform zusammenzufassen. Diese Präsentationsform bietet auch mehrere Perspektiven an, meine Arbeiten zu erfahren. Man kann meine Arbeiten als Buch in der Hand halten, eine intime Interaktion wie Lesen und Berühren findet statt. Der Betrachter hinterlässt seine Spuren auf den Arbeiten, so wird das Betrachten zur aktiven Teilnahme, durch die sich meine Arbeiten ständig verändern und weiterentwickeln.


Inhalt, Themen, Konzepte

Seit 2007 konzentriere ich mich auf Erkenntnisse über die Schwebe zwischen physischer und psychischer Präsenz. Diese Erkenntnisse verstehe ich als ein ausgeprägtes Resultat/Phänomen meiner multikulturellen und mehrsprachigen Erlebnisse. Sie als Phänomen zu bearbeiten ist ein wichtiger Ansatz meines künstlerischen Schaffens.
 
Mich fasziniert vor allem der Begriff der Abwesenheit, er ist einer der wichtigsten Ausgangspunkte meines künstlerischen Schaffens. „Abwesenheit“ hat viele Facetten: die Vergänglichkeit, die Sehnsucht, die Abwesenheit der (Mutter-)sprache, eine Diaspora, ein Wandern, eine endlose Reise/Suche - eben die Abwesenheit selbst.

Wenn man die Abwesenheit auf einer gesellschaftlichen Ebene betracht, ist die Abwesenheit nicht nur ein individuelles Thema, sondern auch eine Spieglungsfacette allgemeines menschlichen Lebens. Ein Bild wird gezeichnet: Ein Fremder im Ausland, sein erschwertes Leben, seine soziale Probleme, und die Entmachtung seiner Muttersprache... Man ist weder hier noch dort, man ist immer dazwischen. Ich will das Phänomen nicht banalisieren, ich will versuchen, die Gegenwart der Abwesenheit auszusprechen.

Ich versuche mit entsprechenden Ausdrucksweisen und von unterschiedlichen Aspekten Abwesenheit zu formulieren. Man braucht gleichzeitig subtile Wahrnehmungen, um die Präsenz der Abwesenheit zu greifen. Aufzeichnen ist eine Geste, um das Vergangene festzuhalten, ist (selbst)bewusste Improvisation. Es ist auch eine Sisyphusarbeit und ihr Resultat sind die Spuren des Vergangenen. Mit diesen Spuren verbinden sich mein Thema und meine Ausdrucksformen.


Techniken

Die Wiederbelebung von Alltagsmaterial ist eine der Hauptüberlegungen in meinem Schaffensprozess. Wiederverwertete Materialien haben ihre eigene Verschlüsselung. Ich verwende diese Materialien spielerisch, um sie zu entschlüsseln und dann wieder neu zu verschlüsseln. Außerdem benutze ich gern Industrieprodukte.

In meiner technischen Entwicklung versuche ich, die von mir ausgewählten Materialien aus ihrem gewohnten, industriellen Kontext zu befreien, sowohl gestalterisch als auch inhaltlich. Ich verwende die Materialien anarchisch, die Bedeutung und Information ihres ursprünglichen Kontextes wird innerhalb meines Schaffensprozess ins Werk integriert. Die Materialien wandeln ihren Charakter vom Trivialen zum künstlerische Repräsentativen. Die von mir verwendeten Materialien reagieren sehr empfindlich auf äußere Einflüsse, sie verändern sich durch Faktoren wie Zeit, Licht, Temperatur, und Luftfeuchtigkeit.  Damit befinden sich meine Arbeiten in einer ständigen Wandlung und Veränderung,  sie sind wie ein eigenständiges Wesen. Der künstlerische Prozess behält dadurch eine Offenheit, das Werk „wächst“ auch nach seiner voläufigen „Fertigstellung“ weiter.






 






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